
Regenwetter motiviert uns zu einem Ausflug nach
Görlitz. Zuvor haben wir die Stadt vor 10 Jahren besucht und trafen auf viele Baustellen. Trotz Baustellen blieb nicht verborgen, dass in
Görlitz außergewöhnliche Juwelen poliert werden, die in einigen Jahren funkeln werden. Unser erneuter Besuch nach 10 Jahren bestätigt großen Erfolg der Sanierungsanstrengungen.
Unsere Stadtbesichtigung unterbrechen wir in Anbetracht schwerer Regengüsse mit einem Besuch des im
Schönhof beheimateten
Schlesischen Museums. Im Unterschied zur absolut lohnenswerten Stadtbesichtigung können wir den Museumsbesuch nur mit Vorbehalten empfehlen (zur Begründung siehe 'Weiterlesen'). Wir nehmen uns vor, bei nächster Gelegenheit und schönem Wetter mit besserer Vorbereitung nach
Görlitz zurückzukehren. Einen kleinen Stadtführer in Buchform haben wir bereits erstanden. - Fotogalerie
Görlitz

Die an der
Via Regia liegende Stadt
Görlitz ist zwar nicht
sorbische Hauptstadt der
Oberlausitz (das ist die sehenswerte Stadt
Bautzen), aber sie ist größte Stadt der Region. Im 14. Jahrhundert stieg
Görlitz mit dem
Stapelrecht für das in ganz Europa nachgefragte
Färberwaid zum mittelalterlichen Handelszentrum auf. Unter preußischer Herrschaft erlebte
Görlitz ab 1815 eine zweite Blütezeit. Wirtschaftliche Macht und Reichtum der Stadt prägten das Stadtbild von
Görlitz. Das Bild der Altstadt dominiert ein dichtes Ensemble
spätgotischer,
Renaissance- und
Barockbürgerhäuser, das den
2. Weltkrieg relativ unbeschadert überlebt hat.
Nach dem
2. Weltkrieg wurde
Görlitz durch die im
Potsdamer Abkommen beschlossene
Oder-Neiße-Grenze geteilt. Der östlich der Neiße gelegene Teil der Stadt kam unter polnische Verwaltung und wird polnisch Zgorzelec genannt.

Während der
DDR verfiel die historische Bausubstanz der Alt- und Innenstadt. Geplante flächendeckende Abrisse der Altstadt verhinderte 1989 die
politische Wende. Mit mehr als 4000 Kultur- und Baudenkmälern gilt
Görlitz in der Gegenwart als das größte zusammenhängende deutsche Flächendenkmal.
Besuch des Schlesischen Museums


Die interessante Architektur des
Schönhofs
vermag nicht zu verbergen, dass der Komplex nur bedingt als Museum
geeignet ist. Ausstellungen sind mit mehreren Etagen und kleinen Geschossflächen auf 2 Baukörper verteilt.
Unübersichtliche Flächenstrukturen treffen auf ungünstige
Raumformate und Lichtverhältnisse. Voraussetzungen für eine verständliche Darstellung
größerer Kontexte und für Vergnügen an der Betrachtung von Objekten sind subotimal organisiert. Zusätzlich empfinden wir die historisch und thematisch gegliederte Präsentation als textlastig. Sie verlangt Besuchern viel Lesearbeit ab, so dass zumindest diskutierbar ist,
ob ein Museum für eine derart gestaltete Themenvermittlung der adäquate Ort ist, bzw. ob nicht andere Medien als
Informationsquelle geeigneter wären.
Die Umsetzung multimedialer Konzepte halten wir in einem Raum für misslungen. In mehren Vitrinen machen ausgestellte Objekte und Texttafeln auf 'Stories' neugierig, die mittels Knopfdruck als Audio-Information abgerufen werden können. Nach Knopfdruck plärren Lautsprecher den Text in den Raum und beschallen alle gerade anwesenden Besucher auch dann, wenn sie sich für die jeweilige Story nicht interessieren. Wenn mehrere Audio-Informationen parallel abgerufen werden, hilft nur noch Flucht. (Ticket Normalpreis 6 €, Fotoerlaubnis 2 €)

Das Museumskonzept fokussiert relativ einseitig auf ca. 1000-jähriger Kulturgeschichte
Schlesiens
und berücksichtigt Aspekte von Politik, Wirtschaftskultur, Hochkultur
und Alltagskultur. Themenfelder wie Vor- und Frühgeschichte sowie Flora,
Fauna und Geologie bzw. 'Natur' der Region sind ausgeblendet. Schade!
Vermutete Leitideen des Ausstellungskonzeptes gefallen jedoch und erfreuen den Soziologen. Im Mittelpunkt stehen keine brillanten Einzelobjekte, von denen nur wenige zu sehen sind, sondern historische Entwicklungen der Lebenswelten von Menschen der Region.

Wie auch andernorts, unterliegen auch Rahmenbedingungen und Stellgrößen schlesischer
Lebenswelten vielfältigen komplexen Abhängigkeiten unter dem Einfluß von Klima,
Ressourcen, Fürsten, Adel, politischen Entscheidungen, Migrationen,
Religionskonflikten, Grenzkonflikten, Kriegen etc. und später auch
Großindustriellen, wie
Henckel von Donnersmarck,
die mit enormer wirtschaftlicher Macht über Jahrhunderte den Takt des
schlesischen Lebens vorgeben und mit Berufung in den Adelsstand gefügig
gemacht werden. Wir lernen, dass sich unter wechselnden Machtverhältnissen die Grenzen
Schlesiens über Jahrhunderte immer wieder veränderten. Wie sich die für die Region spezifischen komplexen Lebensbedingungen auf Kunst, Kultur, Wirtschaft, Handel und schließlich Alltagsleben und Denkweise der schlesischen Bevölkerung im zeitlichen Kontext auswirkten, machen einige Beispiele anschaulich.
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