Mittwoch, 20. Juli 2016

Kellerführung und Weinverkostung am Marinushof in Marein (Kastelbell-Tschars)

K75_3136.jpgK75_3119.jpg Bei unserer Ankunft am Marinushof treffen wir auf eine Baustelle, über die ein Post vom 16.07.2016 berichtet. Die Baustelle und einige Verpflichtungen halten Heiner Pohl, Besitzer des Marinushofs, auf Trab, aber er lässt sich nicht nehmen, Gäste des Hofs zur wöchentlichen Weinverkostung einzuladen. Stammgäste wissen, dass der Marinushof im Herbst des letzten Jahres einen eigenen Weinkeller ausgebaut hat und Heiner seit 2015 die Vinifizierung seiner Weine selbst in die Hand nimmt. Die Anlieferung der Edelstahltanks haben wir im vergangenen Jahr erlebt (Post vom 28.08.2015). Jetzt möchten wir natürlich erfahren, wie der erste im eigenen Keller ausgebaute Jahrgang gelungen ist. - Fotoserie: Kellerführung und Weinverkostung.

Offensichtlich exzellent, der Weißwein des Jahres 2015 ist ausverkauft. Vom Rotwein sind nur noch kleine Mengen vorrätig, die Heiner für das Weinfest auf Schloss Kastelbell am 23. Juli 2016 (Post der Veranstaltung) sowie für eine offene Kellerführung am 29. Juli 2016 reserviert.(1) Die Verkostung der Hofweine ist somit nur sehr begrenzt möglich, was wir zwar bedauern, aber größer ist unsere Freude über den außergewöhnlichen Erfolg, zu dem wir herzlich gratulieren! Trotz dieser Voraussetzungen überrascht die Verkostung mit spannenden Weinen. Vor der Praxis gehen wir natürlich in die Theorie, also durch den Keller.

Die Verkostung südtiroler Weine startet mit zwei sehr gefälligen Weißweinen des Weinguts Peter Zemmer: Pinot Bianco Punggl 2015 und Pinot Grigio Peter Zemmer 2015. Das Preis-Leistungs-Verhältnis beider Weine fällt überzeugend aus. Gewürztraminer polarisiert die Gemeinde der Weintrinker regelmäßig. Nicht anders ist es beim Südtiroler Gewürztraminer - I Vigneti Peter Sölva. Wir können dem Wein wenig abgewinnen, bilden aber eine Minderheit in der Runde. Ähnlich geht es uns mit dem Südtiroler Vernatsch - I Vigneti Peter Sölva, den wir etwas später unter den Rotweinen verkosten werden.

Am Ende der Weißweinserie präsentiert Heiner den 'Dolomytos 2007', ein Vermächtnis des als 'verschroben' geltenden Önologie-Professors, Öko-Anarchisten und Weinmagiers Rainer Zierock (2009 verstorben), der in den 80er Jahren mit Rebellen der württembergischen HADES-Gruppe den Ausbau deutscher Weine im Barrique gegen den Widerstand der Weinlobby etablierte.(2) Auf dem Ansitz Dolomytos Sacker über Bozen lebte Rainer Zierock ein Leben nach eigenen Vorstellungen und suchte nach dem Geheimnis des absoluten Weins, das er im antiken Griechenland fand: Im Reiche des Dionysos (PDF).(3) Heiner outet sich als intimer Kenner und erleichtert uns die Verkostung mit detaillierten Informationen über den Produzenten, dessen Denkweise und Habitus sowie über dessen extraordinären Weinstil. Rainer Zierock gilt als Vordenker einer sich in Entwicklung befindenden und zunehmend bedeutenderen radikalen internationalen Bewegung, die sich von vermeintlich unumstößlichen Dogmen der Weinherstellung befreit und stattdessen mit Weinstilen experimentiert, die als 'Orange', 'Raw' oder 'Natural' etc. bezeichnet werden. Gemeinsamkeiten dieser Bewegung bilden bei allen Unterschieden zwischen Erzeugern und Produkten(4)
  • das Wirtschaften nach Prinzipien ökologischer oder biologisch-dynamischer Landwirtschaft, 
  • die Nutzung historischer Vinifizierungstechniken,
  • der weitgehende Verzicht auf kellertechnische Hilfsmittel.
Ausgebaut wurde der aus vielen Rebsorten bestehende 'Dolomytos' in stark getoasteten Holzfässern zu je 150 Litern, wie sie sonst nur für Whisky und Sherry üblich sind. Jedes Fass wird separat in Flaschen abgefüllt, ohne den Inhalt von Fässern zu mischen. An der Vermarktung seiner Weine war Rainer Zierock nicht interessiert. Erst nach seinem Tod bringen Nachlassverwalter die Weine jahrgangsweise behutsam in den Markt. Aktuell ist der Jahrgang 2007 an der Reihe.

Je nach Fass fallen Weine des Jahrgangs durchaus unterschiedlich aus. Wir verkosten zwei Weine des 'Dolomytos 2007' aus zwei unterschiedlichen Fässern. Tatsächlich handelt es sich um zwei unterschiedliche Weine. Die Flaschen der beiden verkosteten Weine sind bereits vor einer Woche geöffnet worden, was den Weinen nicht geschadet hat.

Den trocken ausgebauten Weinen ist ihr Alter von 10 Jahren nicht anzumerken. Beide Weine sind hoch komplex und rütteln als völlig eigenständige Produkte an verinnerlichten Geschmacksbildern, von denen sie sich deutlich entfernen. Eine Einordnung der Weine fällt uns schwer, weil sie sich Vergleichen mit konventionell erzeugten Weinen entziehen. Sie als 'interessant' zu bezeichnen wäre ein Armutszeugnis. 'Außergewöhnlich' sind die Wein allemal, aber auch das ist nur die Umschreibung eines Sachverhaltes, zu dem wir keine angemessen kommunizierbaren sprachlichen Bilder finden. Das sensorische Erlebnis erweist sich als sprachlich kaum vermittelbar.

Nach dieser äußerst spannenden Erfahrung haben es die anschließend zur Verkostung anstehenden Rotweine schwer. Der Marinushof Rosé 2015 (je 50 % Pinot Noir und Zweigelt) und Marinushof Pinot Noir 2014 fallen wie immer überzeugend aus, erzeugen jedoch keine neue Spannung. Eine kleine Sensation schafft zuletzt noch der vollmundige Laimburger Lagrein 2013. Der Wein der preisgünstigen Gutsweine-Serie zeigt eine komplexe Aromatik mit Noten von Kirschen, Mandeln und Kräutern. Für Fans des Lagreins ist der Wein ein Muss.

Anmerkungen
  1. Flyer im PDF-Format: 8. Kastelbeller Weinsommer 2016 
  2. Im Internet kursieren über Rainer Zierock nur spärliche Informationen:
  3. Elisabetta Foradori, ein Star des Weinszene Italiens, studierte Weinbau bei Rainer Zierock in San Michele all'Adige und ging mit ihm eine Ehe ein, aus der 3 Kinder hervorgehen. Rainer Zierock vermittelte Elisabetta Foradori entscheidende Anregungen der Weinerzeugung, auf deren Basis sich das Weingut zu einer Top-Adresse auf Weltniveau entwickelte.
  4. Die Webseite des Kölner Unternehmens Smart Wines fasst die wesentlichen Aspekte dieser Bewegung unter dem Stichwort Amber zusammen und beschreibt Elisabetta Foradoris Initiativen und Verdienste bei der Rückbesinnung auf die autochthone Rotwein-Rebsorte Teroldego: Das neue Gesicht des Teroldego

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