Samstag, 21. Juli 2012

Südtirol 2012 - Besichtigungen und Führung im Kloster St. Johann in Müstair, Münstertal (Graubünden)

Fenster im Plantaturm des Klosters St. Johann, Müstair
Am Tag des Umzugs von Glurns nach Tschars nutzen wir in Anbetracht des Regens den Vormittag für einen intensiveren Besuch des Klosters St. Johann, das im schweizerischen Teil des Münstertals im Kanton Graubünden liegt. Von der Existenz des Klosters wussten wir seit vielen Jahren, aber erst der Stundenweg vom Kloster St. Johann in Müstair zur Abtei Marienberg bei Burgeis hat uns auf die außerordentliche kulturhistorische Bedeutung dieses Klosters aufmerksam gemacht, das zu den zehn UNESCO Weltkulturerbestätten der Schweiz zählt. Zusätzlich motiviert hat uns die Aussicht auf eine Führung in der Heiligkreuzkapelle, die wegen laufender Forschungs- und Restaurierungsarbeit nicht öffentlich zugänglich ist.   
Link: Fotoserie    Link: Webseite des Klosters





Besichtigung der Klosterkirche

Kloster St. Johann, Müstair
Wir beginnen unseren Rundgang in der Klosterkirche, deren Substanz aus karolingischer Zeit stammt. König Karl der Lombardei, der im Jahr 800 mit seiner Kaiserkrönung im Aachener Dom zu ‚Karl dem Großen’ aufstieg, stiftete im Jahr 775 dieses Kloster, dessen Bau nicht nur religiös motiviert war, sondern auf eine politische Vision und Strategie zurückgeht, die Karl in den Folgejahren konsequent umsetzte. Das Fundament karolingischer Strategie bildeten Klöster, unter denen Müstair zu den wichtigen im karolingischen Reich zählte. 








Blick in die Apsiden der Klosterkriche St. Johann, Müstair
Um das Jahr 800, das Jahr der  Kaiserkrönung, wurde der gesamte Innenraum der Klosterkirche mit einem Freskenzyklus ausgeschmückt, der die christliche Heilsgeschichte in der Art eines Wandteppichs ausbreitet. Die deutlich byzantinisch beeinflussten Fresken gerieten lange Zeit in Vergessenheit, weil sie um das Jahr 1200 romanisch übermalt wurden. Unter dem Einfluss von Feuchtigkeit lösten sich im vorigen Jahrhundert die romanischen Fresken allmählich von ihrem karolingischen Untergrund und legten damit diesen Schatz frei, der das Kloster 1983 zum UNESCO-Weltkulturerbe erheben ließ. Die schwierigen Lichtverhältnisse in der Klosterkirche erlauben keine guten Fotografien der realen Eindrücke. Ein Besuch vor Ort ist Interessierten absolut zu empfehlen. Die Kirche ist kostenlos zu besichtigen.




Dank Johannes Frieds großartiger Arbeit über das Mittelalter (Johannes Fried: Das Mittelalter, Geschichte und Kultur, München 2008) lernen wir, dass Karl auf seinem Weg an die Macht keineswegs zimperlich war. Widerstände und Risiken räumte er auf brutale Art selbst dann aus, wenn es um die eigene Familie ging. Als Karl mit der Kaiserkrönung das Zentrum abendländischer Macht besetzte, scheint er seine Rolle neu definiert zu haben. Die Macht schien für Karl kein persönliches Privileg zu sein, sondern eine vor Gott zu rechtfertigende Verantwortlichkeit für die Menschheit. Karl erkannte die Bedeutung von Bildung und Erziehung und wandelte sich zu einem Weisen, zu ‚Karl dem Großen’. Er rief ein ehrgeiziges Programm ins Leben, das erst Jahrhunderte später Früchte tragen sollte und in der Rückbetrachtung als Aussaat abendländischer Wissenschaftskultur gelten kann. Karl dachte offensichtlich langfristig, strategisch und verantwortungsbewusst, eine Denkweise, die wir heute als ‚nachhaltig’ bezeichnen!


Besuch des Museums im Kloster St. Johann, Müstair

Blick vom Kreuzgang in den Innenhof des Klosters
Für den Besuch des Museums sind 12 SFR (ca. 10 €) pP zu entrichten. Für die Führung ist noch einmal der gleiche Preis zu zahlen. Wir befinden uns in der Schweiz und müssen uns an Schweizer Maßstäben und Gepflogenheiten orientieren. Der Eintrittspreis hat uns bei unserem vorherigen Besuch abgeschreckt. Da unsere Führung erst in 1,5 Stunden beginnt, überwinden wir heute diese Hürde und schätzen uns im Nachhinein glücklich, dass uns diese Erfahrung nicht entgangen ist.
Zunächst betreten wir den östlichen Kreuzgangflügel, der als Gang bereits auf die karolingische Architektur zurückgeht, aber erst mit dem Ausbau als Bischofsresidenz 1035 seine Gestalt erhielt und zunächst als Atrium der Bischofsresidenz angelegt war. Vom Kreuzgang blicken wir in den Innenhof des Klosters mit seinem Kräutergarten. 





Marmorfragment einer karolingischen Engelsfigur
Das eigentliche Museum befindet sich im ‚Plantaturm’, der mit seinem charakteristischem Schrägdach und seinen Dachzinnen eine auffällige Besonderheit der Klosterarchitektur darstellt. Der Turm wurde 960 als bischöflicher Wohn- und Wehrturm errichtet. Sein Name geht auf die Äbtissin Angelina Planta zurück. Nach dem Klosterbrand im Engadiner Krieg von 1499, der auch in St. Veit auf dem Tartscher Bühel Spuren hinterlassen hat, ließ Angelina Planta den Turm neu ausbauen und in das Kloster integrieren. Die im Plantaturm ausgestellten Exponate reichen von der karolingischen Epoche über Romanik und Gotik bis zum Barock. Als besonders eindrucksvoll empfinden wir Fragmente marmorner Chorschranken. Die archetypischen Motive der allegorischen Darstellungen weisen weit über die karolingische Zeit in die Kulturgeschichte zurück und zeigen eine ungewöhnliche Ausdrucksstärke. Ähnlich beeindruckend sind Glasfragmente aus karolingischer Zeit.



Führung in der Heiligkreuzkapelle

Heiligkreuzkapelle des Klosters St. Johann
Heiligkreuzkapelle des Klosters St. Johann, Müstair
Die Führung in der Heiligkreuzkapelle ist mit der Dauer von einer Stunde angesetzt. Tatsächlich dauert sie fast 1,5 spannende Stunden, die den Preis von 12 SFR (10 €) mehr als rechtfertigen. Zwischen der Qualität der Führung auf dem Tartscher Bühel und der heutigen Führung liegen Welten.
Unser Guide ist eine Frau aus dem Dorf, deren Alter wir auf Mitte Dreißig schätzen. Sie ist keine Wissenschaftlerin oder akademische Expertin, sondern bezeichnet sich selbst als ‚Bäuerin’, die sich für die kulturelle Thematik rund um das Kloster, seine Geschichte und die historischen Kontexte interessiert und begeistert. Über die Zeit hat sie sich ein profundes Wissen angeeignet, dass sie uns gut strukturiert in freier Rede vermittelt. Erst am Ende der Führung zieht sie einen Zettel aus der Hosentasche, um sicherzustellen, nichts Wichtiges vergessen zu haben. Unserem Guide gelingt es nicht nur, über fast 1,5 Stunden eine heterogene Gruppe von etwa 20 Personen, von denen vermutlich alle einen akademischen Bildungshintergrund haben, mit ihrem Vortrag zu fesseln, sie weiß auch, mit allen Anmerkungen und Fragen souverän umzugehen. Diese Frau beeindruckt uns. Sie vermittelt uns über alte Historie ein lebendiges Erlebnis, das nicht schnell verblassen wird.

Außenführung

Apsiden der Kapelle
Architekturübersicht
Fensternische in Hufeisenform

Die Führung beginnt mit der Betrachtung der von außen sichtbaren Architektur, während der wir Informationen über Funktion und Baugeschichte der zweistöckigen Kapelle erhalten. Erbaut wurde die Kapelle mit dem Ur-Kloster im 8. Jahrhundert und ist seit dieser Zeit in ihrer ursprünglichen Form weitgehend erhalten geblieben. In späterer Zeit wurden zusätzliche Apsidenfenster eingefügt und die Eingänge verlegt.

Das Obergeschoss der Kapelle war ursprünglich ein bischöflicher Gebetraum, den ein überdachter Gang mit dem ehemaligen Bischofspalais verband, das heute Teil des Museums ist. Das Untergeschoss der Kapelle diente bis vor kurzem über mehr als 12 Jahrhunderte als Totenkapelle des Unterdorfes, das den historischen Ortskern bildet. Die Glocke in dem kleinen Glockenturm wird auch noch heute geläutet, wenn ein Einwohner des Unterdorfs verstirbt.

Der Grundriss der Kapelle bildet mit seinen drei Apsiden ein byzantinisches Kreuz nach und macht den Einfluss byzantinischer Kultur deutlich. Die aktuelle Forschung konnte zeigen, dass die Fensternischen ursprünglich eine Hufeisenform aufwiesen, ein ebenfalls byzantinisches Stilelement, das in nachfolgenden Jahrhunderten kaschiert wurde.

Für den Namen der Kapelle gibt es keine sichere Erklärung. Als denkbar erscheint, dass eine Holzsplitter-Relique des heiligen Kreuzes namensgebend war. Der Name könnte sich aber auch auf den Grundriss der Kapelle beziehen.

Hinsichtlich der Frage, ob die auf dem Dach erkennbare Luke eine spirituelle oder nur profane Bedeutung hat, gibt es keine Einigung. Unser Guide favorisiert eine Erklärung, gemäß der jedes Kirchendach eine Luke benötige, um dem Heiligen Geist einen Zugang zu verschaffen und verstorbene Seelen in den Himmel fahren können. Pragmatischer denkende Teilnehmer halten dagegen, dass jedes Dach eine Luke habe, um ggf. für Reparaturen auf das Dach zu gelangen.

Eindringende Feuchtigkeit hat der Kapelle über mehr als 1200 Jahre große Schäden zugefügt. Inzwischen wurde das Mauerwerk getrocknet und gegen das erneute Eindringen von Feuchtigkeit gesichert.

Führung im Untergeschoss

Führung im Untergeschoss der Heiligkreuzkapell
Im Untergeschoss wurden Verstorbene vor ihrer Bestattung auf dem Klosterfriedhof aufgebahrt. Der Boden der Kapelle ist nicht versiegelt. In dem Boden wurden Skelette einiger Kinder und auch Erwachsener gefunden. Vermutlich handelt es sich um Ungetaufte, die nicht in der geweihten Erde des Friedhofs bestattet werden konnten.
Die Decke des Untergeschosses gilt als die älteste tragende Holzdecke in Europa. Mittels dendrologischer Untersuchungen ist gesichert, dass die östliche Hälfte der Holzdecke noch im Originalzustand erhalten ist. Die Bäume der tragenden Balken wurden im Jahr 788 gefällt. Die westliche Hälfte der Decke musste 1021 nach einem Brand ersetzt werden. Besondere Aufmerksamkeit erregt ein Deckenbalken mit der Darstellung eines Feldes für ein Mühlespiel. Möglicherweise haben die Zimmerleute dieses Spiel beim Bau der Kapelle gespielt. Der Thron Kaiser Karls im Aachener Dom zeigt ein ähnliches Feld. Ob Kontexte bestehen und welcher Art sie ggf. sind, ist ungeklärt. Die Marmorplatten des Aachener Throns stammen aus der Jerusalemer Grabeskirche, weshalb die als Mühlespiel gedeutete Symbolik auf einer dieser Marmorplatten nicht karolingisch sein muss.

Barockes Totenschiff mit den sozialen Ständen
Wir schauen auf die alten Fundamente und Teile des ursprünglich nicht verputzten Mauerwerkes. In späteren Jahrhunderten wurde die Wand verputzt und mehrfach übermalt. Die Wandbemalung auf der rechten Seite des Raumes stammt aus dem Barock und zeigt ein Totenschiff mit dem Tod als Fährmann. Die dargestellten Personen in dem Schiff repräsentierten die sozialen Ständen und stehen als Metapher für die Sterblichkeit aller Menschen, unabhängig von ihrem sozialen Stand. Allerdings sind die Stände gemäß ihrem Status abgestuft dargestellt. Die höchste Position besetzt der Papst, vor Kaiser, König, Kardinal, Herzog, Bischof usw. Das Schlusslicht bildet der Bettler an dreizehnter Stelle. Auf der gegenüberliegenden Wand ist das gleiche Motiv in einem Stil dargestellt, der älter wirkt. Das synthetische Blau der Wandfarbe erlaubt jedoch keine Datierung vor dem 18. Jahrhundert. Die jüngere Bemalung stellt Personen nur noch als Totenschädel auf gleicher Höhe dar. Die Stände symbolisieren Hüte auf den Totenschädeln.


Führung im Obergeschoss

Obergeschoss der Heiligkreuzkapelle
Obergeschoss der Heiligkreuzkapelle
Obergeschoss der Heiligkreuzkapelle

Das Obergeschoss ist der Altarraum der Kapelle, den wir über die originalen Marmorschwellen aus karolingischer Zeit betreten. Die Wände waren von Beginn an verputzt und bemalt. Die Bemalung wurde mehrfach wiederholt, so dass heute Spuren aus karolingischer, romanischer, gotischer und barocker Zeit zu finden sind. Insgesamt lassen sich zwölf Schichten identifizieren. Die letzte Wandfarbe wurde in einem hellen Ockerton erst vor einigen Jahren aufgetragen, weil die Klosterschwestern meinten, dass in der Kapelle ein Anstrich fällig sei. Ausgeführt hat diese Arbeit der Ehemann unserer Führerin, der sich als auch als Maler betätigt. 

Die Zuordnung der Farbfragmente zu Motiven und Zeiten ist außerordentlich schwierig und hat die Experten lange beschäftigt. Die Analysen sind inzwischen abgeschlossen. Noch nicht entschieden ist, in welchem Zustand die Kapelle als Gebetraum wieder zugänglich gemacht wird. Grundsätzlich gilt das konservatorische Prinzip, nicht unbedingt die ältesten, sondern die am besten erhaltenen Motive zu zeigen. Gut erhalten ist jedoch von der historischen Ausmalung nur wenig.


Altar im Obergeschoss
Altar im Obergeschoss
Bei dem Altar in der Mittelapsis handelt es sich nicht um den ursprünglichen Altar. Original erhalten sind noch das Fundament des Originalaltares sowie die marmornen Altarstufen. Im Zuge der Sanierungsarbeiten wurde der später hinzugefügte aktuelle Altarblock unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit und im Beisein wichtiger Persönlichkeiten geöffnet. Das Fernsehen war anwesend und berichtete über die Entnahme der Reliquienbehälter, die jetzt im Kloster aufbewahrt sind und nach Abschluss der Arbeiten wieder eingesetzt werden.
Ursprünglich war der Altar mit marmornen Chorschranken vom Innenraum abgetrennt. Fragmente dieser kunstvoll gearbeiteten Chorschranken aus karolingischer Zeit, deren archaische Motive jedoch wesentlich älter sind, haben wir im Museum des Klosters betrachten können. 




Holzdecke im Obergeschoss
Fenster der Seitenapsis mit Kirchturm
Detailmotiv der Holzdecke

Während des Engadiner Kriegs, den jeder Bewohner des Münstertal mit der ‚Calvenschlacht’ verbindet, brannte 1499 die Heiligkreuzkapelle ebenso wie St. Veit auf dem Tartscher Bühel. Nach dem Brand musste in dem Obergeschoss der Heiligkreuzkapelle eine neue Holzdecke eingezogen werden, die somit aus dem frühen 16. Jahrhundert stammt.

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