Donnerstag, 17. Mai 2018

Ausflug nach Marseille zum Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers (MuCEM)

Hafeneinfahrt Marseille, Les Îsles

Im Rahmen unserer Provence-Reise(1) lockt uns insbesondere das 2013 anlässlich der Ernennung Marseilles als Kulturhauptstadt Europas eröffnete Musée des Civilisations de l’Europe et de la Méditerranée (MuCEM) zu einem Ausflug nach Marseille.(2) Mehrere Artikel in Presse-Medien machen neugierig auf die Architektur und kommentieren Ausstellungen des Museums zurückhaltend.(3) 90 km Anreise mit dem Auto (1,5 Std.) nehmen wir in Kauf. - Fotoserien: Marseille, Mucem

Promenade Robert Laffont, MarseilleBlick vom Tour du Roi René: Mucem, Villa Méditerranée, Cathédrale de la Major (19. Jh.) Aus dem Untergrund der Tiefgarage treten wir auf die Promenade Robert Laffont an der Waterfront und sind von Eindrücken der Umgebung überwältigt. Während sich auf der Promenade neben der Einfahrt zum alten Alten Hafen die weiße Villa Méditerranée vor der über 2.600 Jahre zurück zu verfolgenden Geschichte der Stadt Marseille zu verneigen scheint, trotzt gleich nebenan ein schwarzer Kubus den beiden Forts (Saint-Jean und Saint-Nicolas), die Ludwig XIV. im 17. Jahrhundert zum Schutz des Hafens und als Symbol seiner Macht errichten ließ. Im Hintergrund auf einem Felsen thronend fügt die Cathédrale Sainte-Marie-Majeure de Marseille in Stein modellierte vermeintlich ewige Wahrheiten weltlichen Eitelkeiten hinzu.(4)

Außenrampe, Betonhülle, Betonpfeiler Museum Mucem Ein auf dem ersten Blick schwarzer Kubus erweist sich aus der Nähe als eine aus Beton bestehende filigrane Außenhülle, die das Museum vor Sonneneinstrahlung und vor Wind schützt, aber von innen Blicke auf die Umgebung des Museums gestattet. Getragen wird die Konstruktion von außerhalb des Gebäudes angebrachten baumartigen Betonpfeilern, die Freiheiten bei der Aufteilungen von Innenräumen ermöglichen. Rund um das Museum verläuft spiralförmig zwischen Außenhülle und Pfeilern eine für Besucher zugängliche Rampe als schiefe Ebene. Von der Terrasse auf dem Dach des Museum führt eine Fußgängerbrücke zum Fort Saint-Jean, das in das Konzept der Architektur einbezogen ist und Sonderausstellungen zeigt, aber auch ohne Museums-Ticket zu kostenlosen Besichtigungen der historischen Gebäude einlädt und vom Dach des Tour du Roi René entzückende Ausblicke auf den Vieux Port und dessen Umgebung bietet. Verantwortlich für das Konzept der Anlage ist der Architekt Rudy Ricciotti.


Ausstellungen im Mucem
Ausstellung 'Or' (Gold) im MucemWeinherstellung in Georgien vor ca. 5.000 Jahren, Ausstellung Ruralitée im MucemKopie Löwenmensch vom Hohlenstein-Stadel im Lonetal (ca 33.000 - 39.000 Jahre vor Chr.), Ausstellung Ruralitée im Mucem

Zum regulären Eintrittspreis von 9,50 € sind insgesamt 5 Ausstellungen zu sehen. (Am jeweils ersten Sonntag eines Monats ist der Eintritt frei.) Ein auch in deutscher Sprache verfügbarer Audioguide kostet 5 € zusätzlich. Da schriftliche Informationen generell auf französisch und teilweise auch auf englisch angeboten werden, könnte ein Audioguide hilfreich sein. Wir verzichten auf den Audioguide und können darum die Qualität von Informationen nicht beurteilen. Unseren Rundgang beginnen wir auf Ebene 0 des Kubus, auf der 2 Dauerausstellungen eingerichtet sind:
  • Die Ausstellung 'Connecitivités' erzählt die konfliktreiche Geschichte großer Hafenstädte des Mittelmeerraums im 16. und 17. Jahrhundert: Algier, Venedig, Genua, Istanbul, Kairo, Sevilla, Lissabon. Wir vermissen strukturelle Zusammenhänge, wissen mit präsentierten Objekten nicht viel anzufangen und haken die Ausstellung schnell ab.
  • Interessanter ist für uns die Ausstellung 'Ruralités', die den Beginn der Sesshaftigkeit von Menschen im Mittelmeerraum mit 10.000 Jahren Geschichte von Landwirtschaft und Viehzucht und dem Fokus auf Getreide, Wein und Oliven thematisiert. Auch hier vermissen wir strukturelle Zusammenhänge zu bedeutenden kulturellen Entwicklungszentren des Alten Orients bzw. zum sogenannten Fruchtbaren Halbmond, in dem sich Menschen erstmals dauerhaft niederließen und Stadtstaaten, Königreiche, Schrift, Rechtsordnungen 'erfanden'.
    Das spannendste Objekt der Ausstellung ist eine ca. 30 cm hohe und im Vergleich zum zeitlichen Horizont der Ausstellung viele ältere Skulptur, die nicht aus dem Mittelmeerraum stammt. (Ausgestellt ist eine Kopie.) Wir fragen uns, wie der Löwenmensch, dessen Alter mit 35.000 - 41.000 Jahre geschätzt wird und als das älteste bekannte menschliche Kunstwerk gilt, sich in das Museum verirrt hat.(5)
Zum Zeitpunkt unseres Besuchs präsentiert das Museum 3 Sonderausstellungen:
  • Auf Ebene 2 des Kubus legt die Ausstellung 'Or' (Gold) ihren Fokus auf Gold, Schmuck und Prunk, die als verbindende Elemente zwischen Archäologie, Geschichte und zeitgenössischer Kunst deklariert werden. Objekte können sich nicht gegen Aufladung mit symbolischer Überschussbedeutung wehren, aber wir wehren uns gegen vermeintliche Sinnstiftungen banaler bzw. plakativer Objekte, die uns nicht überzeugen, sondern eher Beliebigkeit vermitteln.
  • Im Fort Saint-Jean illustriert die Austellung 'L'amour de A à Z' jeweils zu einem Buchstaben des Alphabets Themen erotischer Liebe. Unsere Wertung: langweilig, beliebig, überflüssig.
  • Die Ausstellung 'Picasso et les Ballets Russes' zeigt im Fort Saint-Jean von Pablo Picasso in den Jahren 1917 - 1921 erstellte Entwürfe, Kostüme und Bühnenbilder für vier Stücke des Ballets Russes. Die Arbeiten sind durchaus sehenswert, entfachen bei uns jedoch keine Begeisterung.
Ehe wir die Rückfahrt nach Roussillon antreten, besuchen wir die Cathédrale Sainte-Marie-Majeure de Marseille, deren Architektur zwar beeindrucken möchte, uns aber kalt lässt.


Subjektives Fazit
Die aktuellen Ausstellungen sind für uns verzichtbar. Die beeindruckende Architektur des Museums und der Gesamteindruck des Architektur-Ensembles inkl. Fort Sait-Jean belohnen jedoch den Ausflug nach Marseille. Über besuchte Orte hinaus haben wir von der Stadt wenig gesehen. Diese Eindrücke können wir in den nächsten Jahren nachholen.#


Anmerkungen:
  1. Übersicht: Provence-Reise 13. Mai - 19. Mai 2018 in Bildern
  2. Peinliche Webseite des Museums: Mucem 
  3. Medienberichte:
    - FAZ: Museum Mucem in Marseille. Die Stadt schlägt die Augen auf
    - Die Welt: Als am Mittelmeer noch Pinguine lebten
    - Deutschlandfunk: 40.000 Quadratmeter Mittelmeer-Union
  4. Die Cathédrale Sainte-Marie-Majeure de Marseille wurde im 19. Jahrhundert in einem neoromanisch-byzantinischen Stil über mehreren Vorgängerbauten errichtet.
  5. In einer Höhle der Schwäbischen Alb wurden 1939 zahlreiche Splitter eines Mammut-Stoßzahns entdeckte, aus denen die Skulptur des Löwenmenschen zusammengesetzt werden konnte. Später gefundene weitere Splitter machten zunehmend perfektere Rekonstruktionen möglich. - Webseite des Museums Ulm, in dem das Original zu sehen ist: Der Löwenmensch

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