
Auf unserer Besichtigungstour mischen wir Bekanntes,
Béziers, mit Unbekanntem, dem ehemaligen
Oppidum d'Ensérune, das als einer der bedeutendsten keltischen Siedlungsplätze im südlichen Frankreich gilt. Ca. 35 km westlich unseres Standortes in
Pézenas starten wir mit dem Besuch des
Oppidums d'Ensérune, ein sehenswerter archäologischer Ausgrabungsplatz mit Museum, an dem wir trotz (oder wegen?) des Feiertages nur 3 weitere Besucher treffen. Das geringe allgemeine Interesse wundert uns schon lange nicht mehr. Archäologische Ausgrabungsplätze und moderne Kunst garantieren intime Atmosphäre.
Oppidum d'Ensérune -
Fotoserie

Die Höhensiedlung lässt sich bis in das 6. Jahrhundert v. Chr. zurückverfolgen. Unter römischem Einfluss verließen die Bewohner im 1. Jahrhundert n. Chr. den Platz und zogen in die Ebene um. Das
Oppidum geriet in Vergessenheit und wurde im 19. Jahrhundert eher zufälllig entdeckt. Archäologische Untersuchungen sind in der Gegenwart noch nicht abgeschlossen. Ein Rundgang auf dem Bergrücken bietet interessante Einblicke in keltische Kultur. Die Archtitektur von Gebäuden und bei Grabungen freigelegte Fundstücke zeigen Einflüsse iberischer, griechischer und römischer Kultur und verweisen auf weit reichende Handelsbeziehungen im Mittelmeerraum. Grabungsfunde sind in einem Museum innerhalb des ehemaligen Siedlungsraums ausgestellt.

Von der Höhensiedlung blicken Besucher nach Norden auf das
Étang de Montady, eine im Mittelalter durch ein Drainagesystem trockengelegte Mittelmeerlagune mit 2,5 km Durchmesser. Zehn radial angeordnete Gräben leiten Wasser in einen kreisförmigen zentralen Graben, aus dem das Wasser über einen Kanaltunnel abfließt. Auf der wie Tortenstücke perfekt geometrisch gegliederten Parzellenstruktur wird Getreide und Wein angebaut. Der Ursprung des Bauwerks war lange unbekannt. Erst im 19. Jahrhundert konnte dessen Entstehung im 13. Jahrhundert aufgeklärt werden. In der Gegenwart wird das Kanalsystem für die Bewässerung der Felder mit Wasser aus dem
Canal du Midi genutzt.

Nach Süden blicken Besucher der Höhensiedlung auf den
Canal du Midi. Der 1681 fertiggestellte Kanal verbindet über 240 km
Toulouse mit der Lagune
Étang de Thau, von dem Schiffe die Hafenstadt
Sète am Mittelmeer erreichen. Über mehrere Jahrhunderte galt der
Canal du Midi mit seinen 63 Schleusenanlagen als ein architektonisches Wunderwerk. Mit dem Bau von Eisenbahnlinien und Autobahnen verlor der Kanal seine Bedeutung als Handelsweg und dient in der Gegenwart nur noch touristischer Nutzung. In den nächsten Tagen werden wir uns den Kanal im Rahmen einer Wanderung aus der Nähe anschauen.
Béziers -
Fotoserie
Béziers ist eine der ältesten Städte Südfrankreichs, deren Siedlungsgeschichte bis ca. 750 v. Chr. zurückreicht. Vorrömische und römische Geschichte haben in der kriegerisch oft umkämpften und immer wieder zerstörten sowie neu aufgebauten Stadt wenig Spuren hinterlassen. Die ältesten Bauzeugnisse der Altstadt stammen aus dem frühen Mittelalter. Aktuell präsentiert sich die Altstadt von
Béziers als Großbaustelle mit etlichen Bauplätzen. Offenbar dienen die Anstrengungen einer 'Verhübschung' der Stadt, die durchaus Bedarf für Auffrischungen von Schmuddelflecken zeigt. Wir konzentrieren unseren Besuch auf zwei bedeutende Kirchengebäude mit ihrer Umgebung und genießen die Aussicht vom Felsen über dem Fluss
Orb und dem
Canal du Midi.

Die Église de la Madeleine (11. Jahrhundert) ist eines unserer Besuchsziele. Der Weg zur Kirche erweist sich als Hindernisparcours. Endlich angekommen, ist die Kirche wegen laufender Restaurierungsarbeiten geschlossen. Wir müssen uns mit der Außenansicht begnügen. Eine Plakette an der Außenwand (siehe Foto oben) erinnert an einen Massenmord im Rahmen des von Papst
Innozenz III. initiierten
Albigenserkreuzzugs gegen die als ketzerisch betrachtete Glaubensgemeinschaft der
Katharer in
Okzitanien (Südfrankreich). Glaubensfragen vermischten sich selbstverständlich mit Machtinteressen. Mit päpstlichem Segen richteten Kreuzfahrer ein über 20 Jahre reichendes Massaker an. In
Béziers (und nicht nur dort) wurde nahezu die gesamte Bevölkerung ermordert (ca. 20.000 Menschen) und die Stadt abgebrannt und eingeäschert. 7.000 Menschen, die in der Église de la Madeleine Zuflucht suchten, wurden restlos ermordert, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Glaubensrichtung. Auf die Frage von Kreuzfahrern, wie Ketzer von Katholiken zu unterscheiden seien, soll der päpstliche Legat,
Arnaud Amaury, Mönch des
Zisterzienserordens und Abt des
Klosters Cîteaux, geantwortet haben:
"Tötet sie! Gott kennt die Seinen schon!" (Die Historizität dieses Dialogs gilt als unsicher.)
Arnaud Amaury wurde 1212 zum Erzbischof von Narbonne befördert. Der französischen Krone gelang schließlich 1229 unter
Ludwig IX. die Eingliederung
Okzitaniens in den französischen Machtbereich. Der
Albigenserkreuzzug war damit nach 20 Jahren beendet, obwohl das Ziel der Ausrottung von
Katharern nicht erreicht war. Diesen Job brachte die nachfolgende
Inquisition zu Ende.
Als Symbol der neuen Machtverhältnisse in
Béziers wurde ab Mitte des 13. Jahrhunderts die
Kathedrale Saint-Nazaire auf einem Platz mehrerer Vorgängerkirchen und Tempel errichtet. An der Kirche schließen sich der Kreuzgang eines ehemaligen Klosters sowie der ehemalige Klostergarten Jardin des Eveques an, von dem sich weite Ausblicke nach Westen in Richtung des
Oppidums d'Ensérune öffnen.
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