In den 1980er und 1990er Jahren liebten wir Reisen mit Freunden in die Chianti-Region der Toskana. Unser letzter Aufenthalt im Oktober 1997 war ein Geschenk zu Mutters 70. Geburtstag. Die Reise haben wir abgebrochen, weil es nachts kalt und der Aufenthalt in ungeheizten Häusern unerfreulich war. Weil wir an Schulferien gebunden waren und immer wieder erlebten, dass für Toskanareisen Osterferien zu früh, Herbstferien zu spät und Sommerferien zu heiß sind, war 1997 unsere letzte Toskanareise. Als Pensionäre kehren wir 25 Jahre später zur vermeintlich optimalen Reisezeit zurück. Inzwischen hat uns der Klimawandel überholt. Unter prekären Wettersituationen leiden nicht nur die eigenen Urlaubsaktivitäten, sondern menschliche Kultur insgesamt.
Unsere Reise fällt in keine Ferienzeit, weshalb wir annehmen, nicht unter Massentourismus leiden zu müssen. Auch diese Erwartung erweist sich als Irrtum. Siena und Pienza sind völlig überlaufen. Bereits ca. 1 km vor Montalcino blidet sich ein Rückstau von Autos, der uns zur Umkehr motiviert. Im Café auf der Piazza Grande von Montepulciano sind alle Tische besetzt. Ausflüge nach Florenz, San Gimignano, Volterra ziehen wir gar nicht erst in Erwägung und konzentrieren uns auf reizvolle kleinere Ortschaften jenseits von Touristenströmen. In 5 Tagen lassen wir noch einmal viele Toskana-Erinnerungen aufleben, ehe wir dieses Kapitel schließen. Voraussichtlich endgültig. Oder bis zum nächsten Mal?
Anreise über das Weingut Antinori - Fotoserie Reise von Vicenza nach Fonterutoli
Die Reise von Vicenza (Post: 3. Station Sommerreise 2022) zu unserem Ziel in der Toskana ist in 3,5 Stunden zu bewältigen. Um der Hitze auszuweichen, starten wir in der Frühe und unterbrechen die Reise kurz vor dem Ziel für eine Besichtigung des Weinguts Antinori, das seit 26 Generationen von der Adels-Familie Antinori betrieben wird. Das Weingut gehört zu den größten und bedeutendsten Weinproduzenten Italiens und gilt als Pionier des Qualitäsweins, der den italienischen Weinbau aus einer tiefen Krise führte (Wikipedia: Piero Antinori). Der Besitz umfasst zahlreiche Weingüter und Kellereien in verschiedenen Regionen mit insgesamt 1.200 Hektar Rebfläche. In siebenjähriger Bauzeit errichtete die Familie Antinori in der Nähe von Florenz mit 85 Millionen Euro Baukosten eine von renommierten Architekten entworfene, 2012 fertiggestellte weltweit beispiellose moderne Weinkathedrale als Zentrum einer Wein-Industrie, die auf höchstem Niveau produziert. Da die Weinkathedrale auf unserem Weg liegt, ist deren Besuch für uns ein 'must-do'. - Architektur
Riesige Parkplätze machen deutlich, dass das Weingut ein Besucher-Magnet ist. Da wir früh genug eintreffen, dürfen wir mit unserem mittelklassigen Fahrzeug die mit einer Schranke versperrte Zufahrt passieren und unser Auto im Untergeschoss der Weinkathedrale neben dort bereits parkenden Oberklassen-Fahrzeugen abstellen. Im Weingut können Kellertouren gebucht, Weine gekauft und kostenpflichtig verkostet werden. Auf dem Dach des Weinguts befindet sich ein Restaurant. Wir begnügen uns mit einem Rundgang.
Castello di Fonterutoli im Chianti
Die Bedeutung des Weingutes Castello di Fonterutoli der Familie Mazzei in Fonterutoli ist zumindest für den Weinbau im Chianti-Gebiet kaum zu überschätzen. Seit dem 11. Jahrhundert produziert die Familie in der Region Wein. 1435 kam das Castello di Fonterutoli in den Besitz der Familie, die dort seit 24 Generationen ununterbrochen Wein produziert (Geschichte der Familie Mazzei), der in der Gegenwart zu international nachgefragten Top-Produkten der Region zählt und stolze Preise erzielt. Historisch handelt es sich beim Weiler Fonterutoli um ein Borgo
(befestigte Siedlung bzw. Burg oder Kastell), das erstmals 998 erwähnt
wurde. Im 13. Jahrhundert trafen sich in der um das Jahr 1000
errichteten und über Jahrhunderte veränderten Chiesa di San Miniato
des Ortes mehrmals Vertreter der zutief verfeindeten Stadtrepubliken
Florenz und Siena, um in der Kirche über Gebietsansprüche zu
verhandelten. Hierzu wird folgende Legende berichtet (Zitat Webseite Mazzei):
- In den ersten Jahren des 13. Jahrhunderts waren die beiden toskanischen Städte zermürbt von den Kriegen um das Chianti. Deshalb beschlossen sie folgende Lösung: Die Grenze zwischen beiden sollte genau an dem Punkt liegen, an dem sich zwei Ritter träfen, die jeweils beim ersten Hahnenschrei in ihrer Stadt losgeritten seien.
Die Florentiner vertrauten auf einen schwarzen Hahn, einen „gallo nero“; ihn ließ man hungern, damit er schon vor Tagesanbruch krähen sollte. So konnte der Ritter aus Florenz mit großem Vorsprung aufbrechen und das Zusammentreffen ereignet sich genau in Fonterutoli, mit Blick auf das nahe Siena.
Wahre Geschichte oder nur Legende? Tatsächlich verlegte Florenz die Grenze bis nach Fonterutoli, das auf einer Linie mit Castellina, Radda und Gaiole liegt und begründete hier die „Lega Militare e Amministrativa del Chianti“. Sie machte den Gallo Nero zu ihrem Symbol.
1924 schlossen sich Weinproduzenten des Chianti zum Consorzio Vino Chianti zusammen und beschlossen verbindliche Regeln für Qualitätswein mit der Bezeichnung
'Chianti'. Den Gallo Nero legten sie als offizielles Qualitätssiegel dieses
Weins fest. 1932 fügte das Consortium die Bezeichnung 'Classico' hinzu. Alle namhaften Proudzenten sind Mitglieder dieses Consortiums.
Der Auftritt des Weinguts Castello di Fonterutoli ist ein krasses Gegenbeispiel zu Antinori und übt sich ohne jegliche Dünkel in Bescheidenheit. Wer auf dem Weg von Castellina nach Siena ohne Vorwissen das Weingut passiert, wird kaum ahnen, welches Juwel er gerade verpasst. Uns erinnert der Auftritt an das 2015 im australischen Barossa Valley besuchte Weingut Henschke, das u. E. in Australien unübertroffen ist, aber bescheiden auftritt, weil es exzellent ist und Exzellenz mit Produkten beweist und nicht behaupten muss. Der Wein spricht für sich und Kenner finden den Weg in das gemäß ökologischer Kriterien produzierende Weingut (Post 10. Januar 2015).


Besichtigung Siena - Fotos Siena
Ohne Besuch von Siena wäre jede Toskanareise unvollständig. Weil Parkplätze in Siena begehrte Mangelware sind, fahren wir mit dem Auto nur bis Badesse und reisen mit der Bahn zum Bahnhof Siena. Den Bahnhof im Tal verbindet seit einigen Jahren eine Serie von Rolltreppen mit dem sich über mehrere Hügel ausdehnenden historischen Zentrum. Die Altstadt betreten wir durch das Stadttor Porta Camollia. Auf dem Weg zur Piazza del Campo liegt das kultige Bar-Café Nannini, in dem wir, wie schon in früheren Zeiten, einen Espresso trinken.
Die Atmosphäre der in mittelalterlicher Gotik erhaltenen Stadt Siena ist nicht beschreibbar. Man muss sie erleben. Über Superlative kann man selbstverständlich streiten. Dass die Piazza del Campo einer der weltweit schönsten und beeindruckendsten Stadtplätze ist, bestreitet niemand. Um die Schönheit dieses Platzes wahrnehmen zu können, mussten im 19. Jahrhundert zahlreiche Fassaden von 'barockem Krempel' befreit werden. Der Dom von Siena ist eine Geschichte für sich und ein Beispiel für menschliche Hybris, deren Darstellung diesen Post sprengen würde. In Siena ist es nicht nur warm, sondern heiß und die Stadt quillt aufgrund flanierender Menschen fast über. Der Dom ist gegenwärtg nur gegen Eintrittsgebühr und mit Schlangestehen zu besichtigen. Auf beides haben wir keine Lust. Schlangestehen in sonniger Hitze zählt nicht zu unseren Lieblingsaktivitäten und den Innenraum des Doms kennen wir aufgrund von Besuchen früherer Jahre.
Ausflug Abazzia Monte Olivetto Magiore, Pienza, Montepulciano - Fotoserie
Aufgrund der hohen Wetter-Temperatur können wir uns zu keiner Wanderung motivieren und ziehen einen Ausflug per Auto vor. Unser erstes Ziel ist die Abtei Monte Oiveto Maggiore süd-östlich von Siena in der Crete Senesi. Interessanter als Architektur und Fresken der Abtei ist für uns ein weitläufiger Park.


Wanderung von Volpaia nach Castelvecchi -
Fotos der Wanderung
Der holprige Wanderweg ist reizvoll, aber die Orientierung ist nicht immer einfach. Dank Wanderführer erreichen wir nach ca. einer Stunde das Borgo Castelvecchi, das auf eine 1000-jährige Geschichte zurückblickt und aktuell aus einer Fattoria mit Hotel, Restaurant und Nebengebäuden besteht. Im Hof aufgestellte Mühlsteine sind Relikte einer ehemaligen Ölmühle.
Anstatt uns weiter auf die Beschreibung des Wanderführers zu stützen, folgen wir Markierungen an Bäumen und bemerken erst nach einiger Zeit, dass wir in der falschen Richtung unterwegs sind, was nicht nur zusätzliche Distanz, sondern auch einige zusätzliche Höhenmeter kostet. Aus 2 Stunden Wanderung werden 3 Stunden. Auf dem schattenlos verlaufenden Anstieg nach Volpaia verbrauchen wir unsere letzten Körner. Im Castello di Fonterutoli stärken wir uns mit einer 'Augenpflege' für das abendliche Dinner in der Osteria.
Besichtigungen Castellina, Radda, Badia a Coltibuono, Gaiole - Fotoserie




Der auf einem Hügel liegende kleine Ortskern von Radda ist schnell abgegangen. Attraktiver sind Ausblicke in die Landschaft, u.a. nach Volpaia (mittleres Foto unter der Kapitelüberschrift).




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